Renowned Explorers: International Society (Steam/GOG)

Abenteuer. Was verbindet man mit diesem Wort?

Besonders in den unterschiedlichsten Formen der Fiktion, besonders in der Literatur des 19. Jahrhunderts, findet dieser Begriff immer wieder einen Widerhall. Der sogenannte „Abenteuerroman“ ist an und für sich ein eigenes Genre gewesen, das heutzutage leider kaum noch bedient wird. Dabei ist es eigentlich Schade, dass diese Form der Populärliteratur langsam ausstirbt, und das, obwohl viele der Werke, die sich dazu zählen lassen, noch bis heute gelesen werden und zu Höhepunkten der Weltliteratur gezählt werden.

Man denke nur an die wahnwitzigen und pseudo-autobiographischen Räuberpistolen von Karl May. Die Winnetou-Saga, seine Sagen aus irgendwelchen Orient-Reisen und diverse andere Western-Stories haben mir in manchen Nächten durch ihre Bizarre Kombination aus Fernweh-Romantik und Spannung den Schlaf geraubt.
Und auch diverse andere Bücher, man nehme „Moby Dick“, „Die Schatzinsel“, „Gullivers Reisen“, „Robinson Crusoe“ oder die legendären Geschichten von Jules Vernes (darunter 20000 Meilen unter dem Meer, Reise zum Mittelpunkt der Erde, In 80 Tagen um die Welt), die wiederum Pionierarbeit für die Science Fiction-Literatur darstellen, prägten meine Jugend mindestens genau so stark wie später die Harry Potter-Saga. Auch wenn es kaum noch Bücher mit dieser Thematik gibt, so leben Geschichten dieses Typs durch Hollywood weiter. Man denke nur an die „National Treasure“-Filme, die „Mumie“-Reihe oder das „Pirates of the Carribean“-Franchise. Man kann aber auch diverse Animationsfilme der 90er mit in dieser Nische dazuzählen.

Leider muss man anmerken, dass man einige (zum Glück nicht alle) dieser klassischen Geschichten auch als Produkte ihrer Zeit ansehen muss. Denn viele dieser romantisierten Reiseabenteuer von wagemutigen Europäern enthalten natürlich auch etwas „naive“ und „überhebliche“ (um es „nett“ auszudrücken) Sichtweisen auf andere Völker und Ethnien. Blendet man diesen Anachronismus aus, findet man aber zumeist ein Genre vor, das den Leser dazu einlädt, auf eine fantasievolle Reise zu gehen. In einer Zeit, in der auch im wahren Leben unzählige Forscher auf den Kontinenten der Welt unterwegs waren, um die Welt zu erforschen und zu kartographieren, wurde auch die Fantasie vieler Autoren beflügelt. Die Vorstellung von unentdeckten Winkeln der Erde, die noch einen kleinen Funken Wunder und Überraschungen enthielten, von fremden Kulturen und Völkern mit eigenen Gesellschaftssystemen, füllten die Sehnsucht vieler Leser der damaligen Zeit aus. Durch die aufkommenden Eisenbahnen und die Dampfschifffahrt wurde die Welt viel greifbarer, viele entfernte Plätze erreichbarer, und so gaben viele Bücher dieser Ära auch den weniger betuchten Leuten die Möglichkeit, von der Ferne zu schweifen.

Abenteuer bedeutet für mich also auch, Grenzen zu finden, zu überwinden und am Ende mit einem Schatz an neuen Erfahrungen und eventuell neuen Freunden wieder in die Heimat zurückzukehren.

„Renowned Explorers: International Society“ war daher durch sein wunderbares Setting für mich ein äußerst interessanter Titel. Denn das Spiel von Abbey Games, die bereits durch „Reus“ vielen Spielern von ausgefallen Indie-Strategiespielen bekannt sein. Mit ihrer entspannt wirkenden, leicht verträumten, pastellhaften Comicgrafik krempelten sie damals das „Godgame“-Genre um und versetzten den Spieler in die Rolle eines Schöpfers, der mit riesigen Halbgöttern eine 2D-Welt für seine kleinen Bewohner urbar macht. Dem entsprechend gespannt war ich darauf, wie sie die realen und fiktionalen Vorbilder der „Entdeckerzeit“ in ihrem neuesten Spiel umsetzen.

3 Entdecker und eine gigantische Reise

Von der charmanten und witzigen Cartoon-Optik sollte man sich nicht täuschen lassen: „Renowned Explorers“ ist trotz seines entspannten und sehr humorvollen Looks ein beinhartes Abenteuer, das Fehler eiskalt bestraft. Denn die Abenteuerreise wird nicht, wie in „80 Days“, als Adventuregame bestritten, sondern als rundenbasiertes roguelike Strategiespiel mit RPG-Elementen. Was zunächst wie ein komplexer Genremix scheint, besticht am Ende durch seinen leichten Einstieg mit einem stark ansteigenden Schwierigkeitsgrad.

Das Ziel unserer Reise ist klar: Wir wollen mit unserer Crew zu den berühmtesten Entdeckern der Welt aufsteigen. Dabei reisen wir nacheinander zu 5 von mehreren interessanten Gebieten rund um den Globus. So geht es in die Karibik, in die schottischen Highlands, in den Himalaya, die Sahara oder zu verwunschenen Schlössern im bewaldeten Osteuropa. Schnell stellen wir fest: Wir sind nicht die einzigen Abenteurer, die auf der Suche nach Schätzen um die Welt reisen. Auch der schmalzige Rivaleux mit seiner Riege aus ulkigen Gaunern tingelt um den Globus, um uns seine Erfolge unter die Nase zu reiben.

Zu Beginn unserer Expedition wählen wir drei Abenteuer aus einer Riege von 20 verschiedenen Figuren. Diese setzen sich aus einer Vielzahl von Ethnien und Altersgruppen zusammen und präsentieren selbst jede für sich einen eigenen kulturellen Hintergrund und eine individuelle Persönlichkeit. Diese spiegelt sich nicht nur im Aussehen und in den sehr sympathisch geschriebenen Charaktergeschichten wider, sondern auch in den Fähigkeiten. Diese haben drei Ausprägungen: „Friedlich“, „Deviant“ und „Aggressiv“. Je nachdem, welche Figuren wir wählen, ist auch unser Team von diesen „Stimmungen“ geprägt. Aggressive Teams setzen eher auf physische Attacken und darauf, ihre Gegner zu töten. Deviante Charaktere wollen ihre Kontrahenten erniedrigen, deprimieren, oder in Rage versetzen. Friedliche Charaktere können andere Figuren ermutigen, ins Staunen versetzen, oder fröhlich werden lassen. Füllt oder leert sich das Stimmungs-Meter in eine bestimmte Richtung, kann der emotionale Zustand einer Figur so stark werden, dass sie das Spielfeld verlässt. So kann die Auseinandersetzung auch gewaltlos gelöst werden. Doch man muss aufpassen: Die Stimmungen sorgen, auf Basis eines aufgefächerten Schere-Stein-Papier-Systems, für Schwächen und Stärken der Figuren und müssen immer wieder, auch bei den eigenen Figuren, beeinflusst werden, um das Spiel zum Sieg zu wenden. Dies gelingt entweder dadurch, dass man die Gegner „physisch“ besiegt, also den Gesundheitsbalken leert, oder ihn in ein bestimmtes Stimmungs-Extrem versetzt.

Doch nicht alle Situationen enden in einem Kampf. Am Anfang jedes Abenteuers werden wir am Startpunkt einer Reisekarte abgesetzt. Von dort müssen mir mit begrenztem Proviant von Ort zu Ort reisen und treffen dort unterschiedliche Einwohner, erleben kleine Sub-Abenteuer oder erforschen eine Ruine oder antike Stätten. So finden wir stärkende Schätze, zusätzliches Proviant, oder Gold und weitere Punkte, die wir in unserer Basis für Upgrades, Forschungsbäume, „Helfer“, die uns Buffs und Boni verschaffen, oder hilfreiche Items ausgeben können. Dafür müssen wir aber, wie in einem klassischen RPG, die Stärken unserer Helden ausnutzen. Manch eine Abenteurerin ist vielleicht redegewandt und eine gute Archäologin, aber dafür eventuell schlechter in Akrobatik oder Schleichen. Eine andere Figur könnte da vielleicht Abhilfe schaffen. So müssen wir immer wieder die richtigen Entscheidungen bei der Skillverteilung und der Zusammenstellung unseres Teams treffen. Dadurch wird das Spiel nach einem leichten Einstieg immer komplexer und dem entsprechend fordernder. Pro „Setting“ gibt es hunderte zufallsgenerierte Orte und Ereignisse, die unterschiedliche Boni abwerfen und den Widerspielwert des Spiels erhöhen. Doch mit großen Fehlentscheidungen oder dem „Tod“ einer Figur in einem Kampf, verliert man einen „Renown“-Punkt. Diese sind rar gesät und wer am Ende alle verliert, muss je nach Spielmodus von einem Checkpoint neustarten oder, in der Hardcore-Variante, komplett von vorn anfangen.

Fazit

Kurz gesagt: „Renowned Explorers: International Society“ ist ein wunderbares Spiel für Weltenbummler, Menschen mit Fernweh und vor allem für Freunde von beinharten, aber sympathisch umgesetzten Strategiespielen. Durch seine charmanten Figuren, witzig geschriebenen Texte und die unglaublich malerische und cartoonhafte Optik holt es den Spieler direkt ab und ermutigt diesen mit verlockenden Boni und einem komplexen aber verständlichen Belohnungssystem,  auch einmal Risiken einzugehen. Das zahlt sich zwar nicht immer aus, aber auch Niederlagen und Rückschläge werden oft mit tollem Humor quittiert. Wer über den eher generischen und ständig wiederholenden Soundtrack hinwegsehen kann, wird für wenig Geld etliche spaßige Spielstunden erleben.

 

 

 

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