Durchgespielt: Assassins Creed 3 (PC/Steam/Uplay)

Mit dem Release von Assassins Creed: Syndicate wurde auch ich wieder vom mittlerweile in etlichen Spielen ausgeschlachteten Setting gepackt. 2009 spielte ich bereits den ersten Teil komplett durch, vor zwei Jahren folgten dann Assassins Creed 2 und Assassins Creed: Brotherhood, die mich, nicht nur wegen dem wunderschön umgesetzten Setting der italienischen Frührenaissance, begeisterten. Allein in „Brotherhood“ habe ich viele Stunden versenkt und fast alle Dinge freigeschaltet und Aufgaben abgeschlossen. Und obwohl ich meinen Spaß damit hatte, spürte ich bereits damals eine gewisse Abnutzung. Die Kletteraufgaben in den Katakomben erschienen mir auf Dauer dröge, besonders durch die eher tristen Umgebungen und auf Dauer langweilte mich besonders das Kampfsystem und auch die Story verlor zunehmend an Fahrt und konnte mich zuletzt nicht mehr wirklich mitreißen.

Dem entsprechend war ich ausgelaugt, als ich Assassins Creed: Revelations angespielt habe. So sehr ich Ezio als Hauptfigur mochte und mich seine persönliche Suche nach seinen Wurzeln und den Ursprüngen des Assassinenordens interessierte, so habe ich insgesamt höchstens drei Stunden Spielzeit damit verbracht und den eigentlich vierten Ableger der Reihe direkt übersprungen.  Dafür war Revelations einfach viel zu ähnlich zu Brotherhood und bot spielerisch kaum wirklich Neuerungen.  So war Assassins Creed 3 der nächste Titel der Reihe, den ich durchgespielt habe.

Allerdings habe ich die Abenteuer der Kenway-Familie nicht in einem Stück durchgespielt, sondern das Spiel nach etwa 17 Stunden Spielzeit abgebrochen und es etwa eineinhalb Jahre später wieder fortgesetzt. Dank der gut funktionierenden Spielstand-Synchronisation von Uplay (an dieser Stelle darf man das DRM-Programm ausnahmsweise mal loben) konnte ich direkt dort ansetzen, wo ich zuvor aufgehört habe. Connor sucht die Mörder seiner Mutter, die zufällig Anhänger des Templer-Ordens sind und auch rein zufällig auf Seiten der Royalisten im amerikanischen Bürgerkrieg agieren. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen über die Mechaniken des Spiels, aber ich möchte darauf eingehen, was mich am Ende an das Spiel fesselte und warum ich insgesamt 40 Stunden Spielzeit, so viel wie in keinem anderen Assassins Creed zuvor, damit verbrachte.

Bessere Story, besseres Missionsdesign

Bevor man mich jetzt aus der Fraktion der Ezio-Fans heraus lyncht und an der Pranger stellt, sollte ich kurz erwähnen dass ich Ezio wahrscheinlich für einen der witzigsten und souveränsten Protagonisten der vergangenen Spielegeneration halte und auch seine persönliche Vendetta und Sinnsuche in AC2 und Brotherhood spannend verfolgt habe. Und doch hatte diese Story damals einige Schwächen. Das Ganze wurde sehr einseitig und frei von Konsequenzen präsentiert, einige Figuren, besonders die Villains, wurden eindimensional gezeigt und allgemein war besonders das Missionsdesign in der Story an einigen Punkten repetetiv und nicht sehr dynamisch. Der dritte Teil hat einige dieser Punkte ausgebessert, dafür aber wieder an anderen Stellen deutliche Schwächen.

Haytham Kenway ist einer der interessantesten und vielschichtigsten Villains der Assassins Creed-Reihe.

Missionen, in denen man reine Beschattungen oder Taschendiebstähle machen muss, um die Haupthandlung voranzutreiben und „Informationen“ zu sammeln, gibt es kaum noch. Jede, für die Komplettierung des Spiels notwendige, Mission ist in die Handlung eingeschnürt und bringt neue Informationen oder treibt den Lauf der Geschichte voran. Auch wenn zu bemerken ist, wie dreist Connor und einige andere fiktionale Figuren in entscheidende Punkte der amerikanischen Geschichte eingeschlichen wurden, fühlen sich die Missionen deutlich relevanter und entscheidender an, als viele der Nebenaufgaben in den Vorgängerspielen.

Auch die vielen Nebenmissionen rund um den Aufbau der Homestead bringen nicht nur Vorteile für eine florierende Wirtschaft, die uns Geld und neue Ausrüstung beschert, sondern liefert auch einen Blick auf die damalige „einfache“ Gesellschaft und viele kleine Nebencharaktere und deren Beziehungen untereinander und zu den Ereignissen des Bürgerkriegs. Im Prinzip ist dieser Teil des Spiels ein wenig als „Unsere kleine Farm“-Simulator zu verstehen.

Einen kompletten, optionalen Storystrang erleben wir mit Schiffsschlachten auf hoher See, die wahrscheinlich das beste neue Feature des dritten Teils darstellen. Ein hoher Grad an Taktik und der richtige Umgang mit den Gegebenheiten der Umgebung ist gefordert. Das wird dann mit einigen wunderbar intensiven und Atmosphärischen Seeschlachten belohnt.

Abseits davon kann man seltene Tiere jagen, sich auf der Suche nach dem Schatz von Captain Kidd machen oder dem Fight Club beitreten.

Symbolbild: In Assassins Creed 3 können wir einem Fight Club beitreten und historische Figuren treffen.

 

Auf der narrativen Ebene selbst, der Haupthandlung, ist das Spiel besonders stark in den ersten vier Akten, wird gerade im Mittelteil relativ nervig, endet dann aber mit einigen interessanten Aussagen und Ideen, die aber ziemlich verwirrend werden.

Ein großer Unterschied zu den Vorgängern ist, dass im Laufe der Handlung kein typisches „Gut“ gegen „Böse“, kein Bild von Schwarz und Weiß gezeichnet wird. Wir bekommen tiefe Einblicke in die Denkweise und in die Ideen der Templer und gerade im letzten Teil der Handlung wird oft die Frage nach dem Sinn dieses ewigen Konfliktes gestellt. Damit untergräbt die Story von AC3 viele der Motive, die in den Vorgängertiteln aufgegriffen wurden und besonders die Beziehung zwischen Connor, der in großen Teilen der Handlung eher naiv, haltlos und sprunghaft agiert, und seinem Vater Haytham, der charismatisch daherkommt und sehr überlegt handelt, sorgt für interessante und spannende Momente. Selbst die in Amerika so heiligen Gründerväter sind in AC3 ein Schatten ihrer modernen Glorifizierungen. Besonders George Washington wird alles andere als positiv dargestellt und tritt als unsicherer, eher talentloser General auf, der auf dem Schlachtfeld mehr Glück als Verstand besaß.

Historische Figuren werden in AC3 getreu den Vorlagen umgesetzt.

Abseits des starken Bösewichts, gut umgesetzter historischer Figuren und einem wunderbaren ersten Akt wo wir nicht nur die Gegenseite in Aktion, sondern auch unseren Protagonisten förmlich wachsen sehen dürfen, hat die Story deutliche Schwächen. Besonders die rein fiktionalen Figuren bleiben schwach charakterisiert und früh angedeutete Konflikte werden erst spät oder gar nicht wieder aufgeführt. So verschwindet die Diskrepanz zwischen Connors neuem Leben als Assassine und seiner Beziehung zu seinem Dorf in einem tiefen Plotloch und taucht für einen kurzen Cameo im Finale wieder auf. Auch der Streit zwischen ihm und Ziehvater Achilles, der mit eher zweifelhaften Methoden versucht, ihn auf den richtigen Pfad des Ordens zu bringen, taucht nur sporadisch auf und lässt viel Potential ungenutzt. Connor selbst wird auch erst im Verlauf der Handlung zu einer starken Führungspersönlichkeit, sieht einige seiner Fehler ein und lernt vor allem, geduldig zu sein und Pläne auszuarbeiten, bevor er in die Schlacht stürzt. Generell hätte ich mir aber eine tiefere Einbindung des Ureinwohnersettings gewünscht, einen tieferen Ausdruck des Konflikts zwischen einsiedelnden Kolonisten und heimatvertriebenen Stämmen. Auch wird gerade die Beziehung zwischen Templern, Assassinen, Royalisten und Patrioten immer wieder aufgeweicht.

Jetzt fragt man sich sicher als Leser dieses Textes, warum ich die komplette Desmond-Story nicht erwähnt habe. Die Antwort ist simpel: Dieser Teil ist komplett obsolet, verliert sich in verwirrendem pseudophilosophischem Gewäsch und endet mit einer einzigen Enttäuschung. Desmond Miles, als Figur, ist über die ersten fünf Ableger der Reihe hinweg gewachsen und ich hätte mich gefreut, ihn irgendwann als fertig ausgebildeten Assassinen spielen zu dürfen. Daraus wird aber nun wohl Nichts mehr.

Überzeugende Spielwelt, gute Musik, schlechtes HUD

Zur Welt von Assassins Creed 3 sei gesagt, dass ich sie von allen Teilen, die ich bisher gespielt habe, am überzeugendsten fand. Die Städte besitzen realistische Ausmaße, es werden Einblicke in verschiedene Gesellschaftsschichten gegeben und wer genau hinschaut kann verschiedene Berufe und Tagesabläufe erkennen. Der Tag- und Nacht-Wechsel macht sich auch in den Großsstädten besonders bemerkbar, sieht man doch verschworene Gangs und das ein oder andere herumturtelnde Paar auf den Straßen, während tagsüber die Häfen voll mit Händlern, Arbeitern und und Marktschreiern sind. Die verbrannten Stadtteile von New York, nach dem großen Feuer, sind beeindruckend dreckig und man wird auch in anderen Teilen der urbanen Spielwelt mit Infos und atmosphärischer Tiefe konfrontiert. So wird, unterstützt durch die Haupt- und Nebenmissionen, die amerikanische Gesellschaft in der Revolutionszeit förmlich lebendig. USA. USA. USA!

In der Wildnis sieht man verschiedene Landschaftsformen. Weite Wiesen, zerklüftete Felswände und tiefe Urwälder gehören ebenso dazu wie die tropischen Inseln und eisigen Gletscher auf den Seemissionen. Und auch die Tierwelt bildet ein logisches Ökosystem und eine nachvollziehbare Varianz. Leider bildet die Tierwelt auch einen der Gründe, warum ich das Spiel damals abgebrochen habe. Wer nicht vorbereitet ist und das Spiel per Maus und Tastatur spielt, wird seine Probleme mit Quicktime-Events haben, die bei der Jagd von Raubtieren auftauchen. Das sorgt für Frust, besonders, wenn man nicht rechtzeitig reagieren kann, weil das Zeitfenster unangekündigt und kurz ist. Wer aber Köder legt oder sich von hinten an Waschbären, Rehe und Wapitis heranschleicht, wird viele befriedigende Jagderfolge erleben. Besonders Duelle mit Bärsen und Pumas werden richtig spannend, sobald man das System des Spiels durchschaut hat. Besonders zufriedenstellend ist es, wenn man erfolgreiche Air-Assassinations durchführen kann.

Tödliche Angriffe aus der Luft gehören zur Tagesordnung bei der Jagd in Assassins Creed.

Noch mehr Frust kommt auf, wenn man sich durch die schier endlosen unterirdischen Katakomben quält, um Schnellreisepunkte freizuschalten. Die immergleichen, dunklen Tunnel wirken wie ein endloser Marsch mit schlechten Rätseln und nur wenigen Gegnern als Herausforderung. Da wirken selbst die vielkritisierten Dungeons von Skyrim deutlich kreativer.

Musikalisch ist Assassins Creed 3 ein absolut toller Titel. Lorne Balfe, Mitarbeiter und Hauskomponist von Hans Zimmer, sorgt für eine absolut souveräne, treffende und atmosphärische Mischung aus orchestralen Klängen, elektronischen Einflüssen und vielen folkloristischen Instrumenten, Gesängen und Chören, die die kriegerischen und kulturellen Inhalte des Spiels treffend widerspiegeln. So kann sich seine Arbeit zu Assassins Creed 3 ganz klar mit der Musik von Jesper Kyd aus den vorherigen Teilen vergleichen lassen und findet dabei auch einen eigenen Stil, der sehr viel Fokus auf Streichinstrumente und Percussion legt. Noch dazu wurden in das Spiel viele alte Volkslieder, Shantys und authentische Indianergesänge eingearbeitet, die den Umgebungen und der Welt an sich viel Leben einhauchen.

Am Ende muss man aber noch das eher schwächliche HUD erwähnen, das bei meinem Spieldurchlauf für Probleme sorgte. So war es keineswegs für das Spiel am PC optimiert und war auf zu viele Hotkeys aufgetrennt. So wurde die Tastatur überladen, mit insgesamt fünf verschiedenen Buttons um fünf verschiedene Menüs aufzurufen. Das wurde in den Vorgängerspielen noch deutlich besser gelöst. Außerdem sorgte das Weltkartenmenü dafür, dass ich den Davenport-Missionsstrang erst kurz vor Ende spielen konnte. Einige Nebenmissionen wurden nämlich nur angezeigt, wenn man sich in der betreffenden Stadt befand. Und da man nach den ersten 6 Kapiteln des Spiels nur noch ein einziges Mal nach Boston reisen muss, habe ich knapp 40 Nebenmissionen, die mir wirtschaftliche Vorteile bringen, erst in den letzten 3 Kapiteln des Spiels erledigt.

 

Davon abgesehen finde ich Assassins Creed 3 deutlich besser als ich zunächst erwartet habe. Sicherlich hat es Schwächen und ganz bestimmt ist es schlecht optimiert und besonders die Hauptfigur ist im Vergleich zu den Vorgängerspielen ein großer Unsympath, aber allgemein schien mir das Spiel abwechslungsreicher, fesselnder, immersiver und runder als die vorherigen Ableger der Reihe. Nachdem ich dem Franchise ein paar Jahre „Pause“ gegönnt habe, muss ich sagen, dass es vielleicht besser ist, wenn man die Assassins Creed-Spiele nicht in einer engen Abfolge spielt, sondern alle paar Jahre mal zu dem Franchise zurückkehrt. So wirken die frischen Ideen noch frischer und die offensichtliche Grundformel hinter den Spielen scheint nicht mehr so stark durch. Unterm Strich muss ich sagen, dass besonders die maritimen Anteile von Assassins Creed 3 mein Interesse an Black Flag geweckt haben und ich den actionreicheren, abwechslungsreicheren Ansatz genossen habe. Wer das Spiel irgendwann mal für die alte Konsolengeneration oder den PC günstig abstauben kann, wird einige interessante Momente in der Zeit des revolutionären Amerika erleben.

Amerikanischer Stolz. Symbolbild.

Vielleicht ist aber auch einfach üblich, dass die Erwartungshaltung vieler Spieler bei jährlichen Titeln deutlich kritischer und zynischer ist als bei Spielen, wo die Vorgängertitel mehrere Jahre auf dem Buckel haben. Manchmal ist es vielleicht gut, davon abzusehen, „jedes“ Spiel einer Reihe jährlich zu kaufen, sondern auf langfristiger Sicht zu sehen, wie sich ein Franchise entwickelt hat. Sollte man Bug-Katastrophen wie Assassins Creed: Unity ignorieren und schönreden? Nein. Aber sind Assassins Creed-Spiele zwangsläufig „schlecht“, weil sie jährlich erscheinen? Keineswegs. Ich sehe in jedem Titel der Reihe immer noch genug Kreativität und Leben, dass ich bereit wäre, auch andere verpasste Titel wie Liberation HD, Rogue, IV: Black Flag und irgendwann vielleicht auch Unity nachzuholen, sofern sie denn zu einem günstigen Preis verfügbar werden.

 

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