Valiant Hearts (PC/Steam/Uplay)

Als Valiant Hearts zum ersten Mal angekündigt wurde, ging für mich ein lang gehegter Wunsch scheinbar endlich in Erfüllung. Endlich wurde der lange eher nur spärlich aufgearbeitete Erste Weltkrieg in Videospielform interpretiert und als die erste große menschliche Katastrophe des letzten Jahrhunderts spielbar und somit auch emotional nachfühlbar gemacht. Und ausgerechnet Ubisoft widmete sich diesem Thema. Dabei ist der Publisher seit Jahren verschrien als einer von vielen, die sich wieder vom „Erzählmedium Spiel“ entfernen und sich mehr und mehr den großen Blockbustern zuwenden, den Umsatzmagneten.

Und doch erscheint es logisch, dass Ubisoft Valiant Hearts produzieren ließ. Immerhin ist der Erste Weltkrieg ein schwarzes Kapitel in der Geschichte Europas und somit auch in der Geschichte Frankreichs.

Ich war daher besonders gespannt darauf, wie das Spiel die Ubi-Art-Engine einsetzt, wie das Thema insgesamt aufgegriffen wird, wie viele historische Fakten dabei eine Rolle spielen und ob mich die Geschichte vor allem emotional auf die Reise in eine Zeit schickt, in der die Menschheit zum ersten Mal in einen tiefen Abgrund blickte.

Leider wurden, so viel sei vorweg erwähnt, nicht alle Erwartungen diesbezüglich erfüllt.

Guter Wein in alten Schläuchen

Naja, so ganz akkurat habe ich das Sprichwort nicht verwendet, aber ich denke, es fasst gut zusammen, wie ich mich bei Valiant Hearts gefühlt habe. Die Grundvorraussetzungen für das Spiel waren zunächst äußerst gut. Erfahrene Ubisoft-Entwickler im Hintergrund, ein beeindruckend grober, dreckiger, aber gleichzeitig auch aussagestarker Comicstil, wunderbar komponierte Musik, extravagante Recherchearbeit und eine Story, die nicht nur eine Seite des Krieges betrachtet, sondern mit einem Franzosen, einer Belgierin, einem Amerikaner und einem Deutschen gleich vier Nationalitäten abdeckt, die an der Westfront eine Rolle spielten. Und obwohl bedrückende Cutscenes und die eindrucksvollen Hintergründe und kommentierten Briefwechsel zwischen den Figuren die Stimmung der Handlung gut einfingen, so wurde ich ständig durch andere Patzer des Spiels herausgerissen.

Dabei ist Valiant Hearts keineswegs ein schlechtes Spiel. Ich wurde gut unterhalten, und am Ende der Handlung, von der ich an dieser Stelle nicht viel verraten möchte, verdrückte ich tatsächlich das ein- oder andere Tränchen. Ich hatte nur das Gefühl, dass das Spiel unter dem großen Widerspruch zwischen Mechaniken, seinem selbsterwählten (und sehr gut umgesetzten) Bildungsauftrag und der Emotionalität des Themas und der Story litt. Bis zum letzten Kapitel wurde gerade aufgebaute Dramatik und Spannung durch einen lächerlichen Bosskampf, absurde Zeppeline oder sogar widersinnige Ausweich-Spiele zu „Can Can“-Musik zerstört. Natürlich ist es nie gut, wenn eine Handlung nur aus „schlechten Momenten“ und negativen Erfahrungen der Figuren besteht, aber es ist ebenso vernichtend, wenn diesen Momenten keine Zeit zur Entfaltung gegeben wird und das „positive“ Stückchen in Absurdität abgleitet. So baute ich kaum Beziehung zu den Figuren auf, war selten betroffen oder erschrocken, wenn sie scheinbar in Gefahr oder scheinbar sogar tot waren und hab mich irgendwann mehr darauf konzentriert, von A nach B zu kommen und dabei versteckte Gegenstände einzusammeln.

Diese brauchte man, um das Lexikon und Glossar des Spiels immer weiter zu füllen. So wurden nach und nach mehr Details zum Leben an der Front erklärt und die bedrückende Realität der damaligen Zeit mit all ihrer Morbidität immer greifbarer, auch wenn politische Details nur überflogen wurden. Bis zum nächsten absurden Rätsel oder bis zum nächsten grunzenden Wachsoldaten, dessen Pickelhaube gleich einer Karikatur auf seinem Kopf umherspringt, wenn er sich umdreht.

Denn insbesondere die Animationen und ausdruckslosen Gesichter der Figuren, vergraben unter Hüten, Frisuren und Bärten, die gemurmelten und genuschelten Wörter und Laute, bis hin zu Klischeephrasen und schlechtem Parodie-Deutsch ruinierten das Erlebnis sogar.  Der immer wiederkehrende Bösewicht war sogar eine Karikatur des typischen Adel-Generals, pseudodeutsches Kauderwelsch fluchend, weinsaufend und beinahe erdrückt von seinen Orden und seinem Spitzen Kaiserschnauzbart. Soldaten, ob Gegner oder Verbündete, waren gesichtslose, immergleiche Fleischbrocken.  Hier zeigte sich, dass die fähige Ubi-Art-Engine mit seinen technischen Limitierungen dafür sorgte, dass einige Momente und Aussagen schwächer erschienen als sie eigentlich waren. Den Rest erledigten dann die wechselhaft geschriebene Handlung und einige widersinnig erscheinende Designentscheidungen.

Darunter fielen auch die Rätsel, deren Schwierigkeitsgrad eher schwankend war. Waren manche Knobeleinlagen eher einfach und wurden nur durch einen Granaten- oder Steinwurf oder schlichtweg Timing gelöst, waren insbesondere Codes und Zahlenkombinationen entweder schwer zu finden oder viel zu kryptisch. Hier konnte man sich wohl nicht entscheiden, ob „Valiant Hearts“ an Kinder oder erfahrene Spieler gerichtet war.

Und doch muss ich großes Lob für das letzte Kapitel aussprechen. Hier wurde endlich die Dramatik aufgebaut, die ich mir gewünscht habe. Die Momente, die mich fesselten und die zeigten, dass es im Krieg kein Happy End gibt, dass Krieg Narben und Lücken hinterlässt und dass das sinnlose Sterben und Morden über allem schwebte.

Ein weiteres Lob geht an den Soundtrack, der aus einer Mischung aus klassischen Stücken, Liedern der damaligen Zeit und eigens komponierten Melodien, Emotionen transportierte und stets passend und berührend war. Und man muss unbedingt die großartigen Fotobeiträge und Erklärungen loben, die, wie bereits erwähnt, dabei halfen, die Ereignisse greifbar zu machen, auch, wenn das Spiel selbst das Meiste eher karikaturartig abbildete.
Am Ende bleibt für mich aber die Frage, ob es vielleicht falsch war, den Ersten Weltkrieg ausgerechnet mit einem Puzzle-Adventure zu inszenieren.

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